
Oh. Mein. Gott. Wer nach dem glücklichen Sieg in Düsseldorf und der Blamage gegen Randers nun auf den berühmten Hallo-Wach-Effekt gehofft hatte, der sah sich getäuscht. Aber sowas von. Statt Powerplay und Wiedergutmachung gegen einen Aufsteiger gabs einen weiteren, unbegreiflichen Grottenkick. Zurück in ganz alte Zeiten. Die Euphorie der Vorbereitung? Verflogen. Für mich trug sich das ungefähr so zu:
10:38 Abfahrt in Mainz. Schön gepflegt mit dem IC, ohne Umsteigen nach Freiburg. Vorher am Bahnhof noch schön in Hooligan-Manier die Sonntags-FAZ gekauft und im Zug dann ausgiebig den Wirtschaftsteil studiert. Dabei gelernt: Der Wert einer Ölaktie hängt nicht zwangsläufig vom Ölpreis ab! Im Zug dann auch der Kontakt mit ersten Gleichgesinnten, man erkennt sich am Trikot und nickt sich zu. Soweit läuft alles nach Plan. Im Sportteil gibt es einen großen Artikel über Trochowski, den neuen Leader des HSV. Ich begreife das als gutes Omen.
12:50 Ankunft in Freiburg, noch 4 einhalb Stunden bis zum Spiel. Statt angekündigten Graupelschauern bestes Wetter. Einfach mal dem Mob hinterher in die Altstadt. So eine Stadt ist sonntags mittags ja zurecht relativ ausgestorben. Die einzigen Menschen, die hier ihr Unwesen treiben sind geführte Rentnergruppen, die sich die gothische Bauart des Münsters erklären lassen und danach in urigen Weinlokalen absteigen und ziellos umherschlurfende Menschen in HSV-Trikots, HSV-Shirts, mit HSV-Mützen und HSV-Schals. Man grüßt sich, ein jeder ist ein

Freund. Ich verlasse die Altstadt und erklimme eine Anhöhe, laut Eigenwerbung befindet sich hier der schönste Biergarten Badens. Auch hier natürlich nur HSV-Anhang. Ich möchte ein Schnitzel essen aber die Küche ist überlastet und es werden keine Bestellungen mehr angenommen. Zu viele HSVer wollen grade ein Schnitzel essen. Ich trinke ein Bier und suche ein Schnitzellokal in der Innenstadt auf.
16:07 Mit der Straßenbahn zum Stadion. Immer der Meute hinterher. Ein Fußballspiel kann selbst der orientierungsloseste Mensch nicht verfehlen. Vor dem Stadion erstmal ein Stadionheft gekauft, 80 Cent, ein Freundschaftspreis. Und es kommt sicherlich der Jugend zugute. Insgesamt eine sehr friedliche Stimmung, kein Risikospiel, keinerlei provozierende Gesänge, kaum Polizei. Die Eingangskontrolle am Gästetor wird dann aber vorsichtshalber doch lieber von Polizisten statt von Ordnern durchgeführt. Ich darf zwei Textmarker, einen Kuli und zwei Stabilos mit ins Stadion nehmen und bin überrascht.

Gleich rein in den Block, ich glaube ich habe den besten Platz, den man haben kann. Das Stadion füllt sich. Die Hamburger Supporters verteilen jetzt im ganzen Block weise und blaue schlauchförmige Müllsäcke. Diese müssen aufgeblasen werden um eine Wirkung zu erzielen. Dabei werde ich fast ohnmächtig, kann den endgültigen Knockout allerdings durch geschickte Atemtechnik verhindern. Der Block skandiert nun: "Hooligans, Hooligans!" Hier bin ich richtig. Die Mannschaften betreten das Feld, Frank Rost und Petric begrüßen als einzige Spieler die mitgefahrenen Fans. Sözer lässt die Spieler lustige Verrenkungen machen und um Hütchen sprinten. Die Aufstellung macht die Runde: mit Petric, Guerrero und Pitroipa, aber ohne Berg, Rozehnal oder Elia. Ze Roberto der einzige neue auf dem Feld.
17:30 Es geht los. Nach drei Minuten steht es 1:0 für den HSV, und zwar, natürlich AUSGERECHNET durch Pitroipa. Der Fußball schreibt die tollsten Geschichten. Leider hört der HSV genau in dieser Minute auf Fußball zu spielen und fängt an, diesen mageren Vorsprung zu verwalten. Es ist kaum zu glauben, aber ab Minute 4 passiert im HSV-Spiel gar nichts mehr. Stattdessen nur noch Freiburg. Die sind zu Glück zu unfähig einen Angriff gescheit zu Ende zu spielen, bekommen dafür aber eine Möglichkeit nach der anderen um es erneut zu versuchen. Im HSV-Spiel stattdessen Fehlpässe ohne Ende, haarsträubende Ballverluste, Standfußball und unglaublich viele kleine Fouls. Keine Ballstafette über mehr als 3 Stationen, kein Torschuss. Gar nichts. Pitroipa ist noch der aktivste von allen. Das Gegentor ist nur eine Frage der Zeit. Nachdem es endlich fällt wacht der HSV ein wenig auf, rennt nun allerdings planlos nach vorne an und findet mit der Brechstange natürlich kein Mittel gegen gut stehende Freiburger. Am Ende ist das 1:1 noch glücklich, wenn man über zahlreiche strittige Entscheidungen im Hamburger Strafraum nachdenkt, die alle zugunsten des HSV ausgelegt wurden. Dieses Spiel war eine Frechheit. So wenig Ideen und Kampfgeist kann man eigentlich gar nicht haben. Wer so spielt verliert in zwei Wochen gegen Misimovic, Dzeko und Grafitschi mit 5:0. Riesenenttäuschung im Block, sofort raus und zum Bahnhof. Um 01:00 Uhr wieder daheim mit der ewigen Gewissheit: Dieser HSV ist keine Spitzenmannschaft.
...Und am Samstag gegen Hajnal, Kuba und Valdez...;-)
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